Fangen wir nochmal von vorn an: Übers Dicksein

Es ist schon wieder nichts passiert. Ich stehe jetzt wieder genau da, wo ich vor einigen Monaten begonnen habe. All die Erfolge sind jetzt nur mehr sichtbar, weil ich hier ein paar Mal darüber geschrieben habe. Das ist ein verdammt beschissenes Gefühl. Und für alle Interessierten: Sätze wie „Jetzt musst du mal wieder etwas machen!“ oder „Reiß dich zusammen!“ oder „Isst du jetzt schon wieder?“ helfen mir dabei kein bisschen. Vielmehr zeigen sie mir selbst auf, wie schwach ich bin. Ich brauche ja nur ein bisschen Willenskraft, mehr nicht. Einmal dranbleiben, so schwer kann das doch nicht sein, oder? Ganz ehrlich: Wenn ihr nicht selber damit zu kämpfen habt, glaubt ihr mir nicht, wie schwer es das sein kann.

Hör niemals auf deinen Kopf

Dick zu sein, oder fett, oder wie man es auch immer nennen möchte, ist eine große Beeinträchtigung. Ich zum Beispiel schwitze in Sommern wie diesen sehr viel und ich nehme einmal stark an, dass ich mit ein paar Kilos weniger bereits deutlich weniger schwitzen würde. Ich suche fünf verschiedene Shops ab, bis ich eine kurze Hose in meiner Größe finde. Aber das sind nur Nebensächlichkeiten. Es ist das, was im Kopf abläuft. Genau dort, wo ich mir an vielen Morgen vornehme, ab jetzt nur mehr gesund zu essen, und dann beim Hofer in der Backbox eine Topfengolatsche mitnehme, oder vielleicht zwei, weil die ja schon recht gut wären. Dieser Kopf, der mir so gerne das wiederholte Scheitern, das Leben im Jojo immer und immer wieder vor Augen führt.

Ich persönlich mag es ja überhaupt nicht zu Scheitern und lerne immer wieder, dass auch das ein Teil des Lebens sein muss. Aber ob ich jetzt für eine Prüfung genug lerne und sie auf Anhieb schaffe, ist etwas anderes, als auf einmal das Essen und das Verlangen nach ihm zu verändern und gesünder zu leben. Scheitere ich bei einer Prüfung, ist das Scheiße. Scheitere ich beim Abnehmen, hasse ich mich dafür. Darauf folgen Frusteinkäufe. Oder der Besuch bei McDonalds mit irrationalen Mengen für eine Person. Und ganz ehrlich: Es ist gerade verdammt schwer, das so öffentlich zu sagen. Wenn ich McDonalds-Essen verspeise, dann bevorzugt in meiner eigenen Wohnung, weil, wie sieht das denn aus, wenn der Dicke schon wieder im Fast-Food-Restaurant isst? Eben.

Das Dicksein schränkt ein. Zumindest mich. Ich habe schon ein paar Mal Einladungen zum Schwimmen abgesagt, weil ich die Bikinifigur in diesem Jahr wieder nicht erreicht habe. Fast so, als würde mein Anblick die Menschen zu überraschendem Erbrechen bringen, fast so, als wäre ich der dickste Mensch der Welt. Klar bin ich kein Adonis, keine schlanke Gottheit (leider!), aber trotzdem muss man sich nicht angewidert von mir abwenden. Das hat bis heute auch noch kein Mensch gemacht, aber mein Kopf macht mir jedes Mal wieder klar, dass das passieren könnte. Ich schäme mich für das, was ich bin. Weil ich mehr bin, als ich sein möchte, im wahrsten Sinne des Wortes.

Krankhaft irrational

Fettleibigkeit ist eine chronische Erkrankung. Jeder Mensch, der einen BMI über 30 hat, ist laut dieser Berechnung fettleibig. Mitunter wird Fettleibigkeit auch als Fettsucht beschrieben. Ein, wie ich finde, sehr passender Begriff: Wobei ich sagen muss, dass ich mich beim übermäßigen Zigarettenkonsum nicht hasse. Da ärger ich mich maximal am nächsten Tag über den kratzigen Hals. Wenn ich deutlich zu viel esse, sagt mir da aber mein Kopf schon längst, dass es genug ist. Gleichzeitig sucht er aber nach Gründen, warum es sich lohnt, noch weiter zu essen. Das ist vollkommen gestört, und vielleicht ist das ja auch so eine Sache: Vielleicht funktioniert mein Kopf in dieser Hinsicht einfach nicht.

Darüber schreiben ja auch die beiden Damen von „Slow Slim“. Ihr Buch soll dabei helfen, den Kopf umzuprogrammieren. Damit das irrationale Verlangen nach mehr irgendwann verschwindet. Allein das Sich-vor-Augen-Führen des eigenen Essenskonsums hat bei mir ja dazu geführt, dass ich innerhalb von nur drei Wochen 7 Kilo abgenommen habe. Deshalb werde ich es wieder versuchen. Den Zwölf-Monats-Plan wieder bei 0 beginnen. Und jede einzelne Speise in einem kleinen Heftchen aufschreiben, mich täglich wiegen und Fortschritte sehen. Und keine Ausrede mehr gelten lassen, einen Tag mal nicht reinzuschreiben. (Zuletzt war es übrigens der vermeintliche Druck, unter dem ich wegen der bevorstehenden Masterprüfung stand). Besteht die Gefahr, dass ich wieder scheiter? Ja. Natürlich.

Etwas Verständnis

Warum ich jetzt so ausführlich darüber schreibe? Weil ich immer wieder mitbekomme, wie über dicke Menschen gesprochen wird. Ich habe es zwar selber noch nicht mitgekommen, wie sich Leute über mich lustig gemacht haben (obwohl mein Kopf es mir oft vorsagt, dass das natürlich fix passiert), aber andere Menschen in meinem Umfeld reden so über andere dicke Menschen. Dass das Dicksein und das Fettwerden irgendwann einfach nur mehr sehr schwierig in Griff zu kriegen ist, wissen die wenigsten. Man kann es sich mal so vorstellen: Menschen, die immer mal wieder ein paar Kilos zunehmen, sind wie ein Auto, dass im Winter auf einer Straße fährt und plötzlich eine kleine Eisplatte erwischt. Man wird etwas herumgeschleudert, aber wenn man sich (aus)kennt, kriegt man es rasch wieder unter Kontrolle. Nimmt man aber dann noch etwas mehr zu, landet man gleich wieder auf der nächsten Eisplatte und irgendwann fährt man mit seinem Auto auf einem großen Eislaufplatz. Da jetzt das Fahrzeug wieder unter Kontrolle zu kriegen, „mal etwas Willenskraft zu zeigen“, oder „sich zusammenzureißen“ geht dann einfach nicht mehr. Deshalb geht das oft auch nicht mehr ohne Hilfe von außen. Ich hoffe, dass ich es selber noch schaffe, die Kehrtwende, den Stillstand und den Rückwärtsgang einzulegen. Drückt mir die Daumen.

Ich habe mir ja selber erst einmal abgewöhnen müssen, Menschen nach ihrem Aussehen zu urteilen. Das habe ich offenbar in meiner Erziehung mitbekommen – und habe es nun bei anderen Menschen zu einem sehr großen Teil eingestellt. An mir selber scheitere ich aber in der Hinsicht regelmäßig. Und das ist vielleicht die Quintessenz aus dem Ganzen: Wenn man Menschen mit einer dicken Fettschicht sieht, darf man sich in keinem Fall ein Urteil erlauben. Dann was in der Person da drin vorgeht, dass weiß man dabei nie. Vielleicht sind sie glücklich, fühlen sich in ihrem Körper wohl oder sie tun das eben nicht, haben sich schon überwinden müssen, mal unter Leute zu gehen.

Immer und immer wieder

Ich weiß nicht, ob ich es jemals schaffen werde. Meinem Wunschgewicht langfristig näher zu kommen, irgendwann nach etwas Abnahme das Gewicht auch wieder halten zu können. Ich werde Rückschläge einstecken, werde an meiner Willenskraft oder meinem irrational arbeitenden Kopf scheitern. Werde mir kleine Ziele setzen und diese vielleicht erreichen oder nicht. Aber ich würde gerne auf die vielleicht ja auch als Unterstützung gedachten Kommentare verzichten. Weil sie mir nicht weiterhelfen, sondern mir es eher wieder aufzeigen, dass ich gerade dabei bin, es nicht zu schaffen. Weil sie mir einen Spiegel vorhalten, in dem ich dick erscheine (also einen echten Spiegel).

Das hier ist also eine Vorwarnung an meine wenigen Leserinnen und Leser: Vielleicht wird man hier noch öfter von Neustarts lesen. Begleitet mich dabei und erzählt mir, was euch vielleicht schon ein paar Mal geholfen habt. Und nachdem ich es bislang mitunter recht lustig erscheinen ließ, dieses ständige Auf und Ab, möchte ich ab jetzt einerseits wieder regelmäßiger, andererseits vor allem auch ehrlicher von meinem Weg berichten. Von Tagen, an denen ich mich hasse und Momenten, in denen ich stolz auf mich bin. Aufgrund eines Fehlers hab ich die Domain übrigens für ganze zwei Jahre verlängert – zumindest hier ist also schon ein Grund, nicht vorzeitig aufzuhören.

11 Kommentare zu „Fangen wir nochmal von vorn an: Übers Dicksein

  1. Ahoi, Dominik, nachdem ich das Thema eine Weile bei dir still verfolgte, mag ich jetzt etwas Umfänglicher reagieren. Ich schreibe dir als ehemals Essgestörte – damit will ich nicht behaupten, dass du essgestört bist, sondern nur einordnen, von welcher Warte ich spreche, vielleicht kannst du was anfangen damit.

    Ich kann heute sagen, das ich nicht mehr essgestört bin, weil das, was es ausmachte, verschwunden ist: ein schreckliches inneres Gefühl verbunden mit essen, mit Vorstellungen von essen, mit den befürchteten Auswirkungen von essen auf meinen Körper, das überhaupt nicht unter meiner Kontrolle war. Es gab eine innere Vorstellung davon, wie viel ich essen durfte (immer weniger, als ich essen wollte) und sobald ich auch nur einen Teelöffel drüber war, setzte dieses Gefühl ein. Ich fühlte mich widerwärtig von innen heraus, hasste jede Faser an mir, jede Bewegung, empfand diesen Tag schon wieder als komplett gescheitert – Abhilfe schaffen konnte dann nur noch kotzen (ich war also Bulimikerin). Beim Essen mit anderen war ich maximal kontrolliert, und wenn ich dann daheim war, habe ich alles gegessen was da war – oder habe extra vorher (billig) Essen eingekauft, schon im insgeheimen Wissen, dass ich das wahrscheinlich wieder alles auf einmal essen werde (mit den logischen Folgen).

    Weil ich es nicht unter Kontrolle hatte, scheiterten auch die Neustarts immer wieder – einerseits war jeder Tag ein Neustart, ein Versuch, dünner zu werden, andererseits war jeder Tag am Ende ein entsetzliches Versagen, wieder mehr Grund sich zu hassen, etc. pp.

    Im Nachhinein bin ich verdammt froh, dass ich nicht magersüchtig geworden bin; ich habe ein paar Magersüchtige getroffen, die hatten diesen stahlharten Willen, was wahnsinnnig erfüllend sein muss, so dass sie dran blieben. Jedenfalls habe ich keine getroffen, die geheilt worden wäre (ich will gar nicht wissen, wo die jetzt sind, eine ist fix tot, bei der anderen kann ich mir nicht vorstellen, dass die überlebt, die war ca 40 und sah aus wie 70, ein wandelndes, zerrupftes Skelett, aber einen Willen hart wie Stahl).

    Was mir geholfen hat war anderes, nämliche innere Wunden heilen, bei mir hatte sich ein biographisch begründeter Selbsthass auf den Körper gerichtet und ich nahm ich an, ich müsste mich nicht mehr hassen, wenn nur endlich der Körper schlank wäre (ich wog btw maximal 62 kg auf 1,66, also alles andere als fettleibig, aber ich wollte 50-52 wiegen, wie ein Teenie).

    (Bitte an dieser Stelle jetzt nicht denken: Das ist was ganz anderes, die war ja eh nie fett – ich versuche nicht zu erklären, wie man dünn wird, sondern wieso dieses Neustartding womöglich heimtückisch war. Die Effekte dieser falschen Körperwahrnehmung waren ähnliche – ich war in meinen Teeniejahren/jungen Erwachsenenjahren vielleicht ein halbes Dutzend mal im Freibad, weil ich mich meine Körper als zu ‚anstößig‘, nicht dem gewünschten entsprechend empfand).

    Ich habe dazu Gesprächstherapien gemacht – was mir übrigens nie geholfen hat ist Verhaltenstherapie, obgleich die immer so gepriesen wird für Essstörungen, ich brauchte was, was an die grundlegenden Probleme ging. Als es mir besser ging (noch nicht geheilt, manchmal kam dieses Gefühl wieder, wo das eine Teelöffelchen zuviel wieder alles in Gang setzen konnte), war ich schwerer als je zuvor, ca. 70 kg, aber ich war wild entschlossen, mich jetzt genau so anzunehmen (und das fängt btw damit an, gutes Gewand zu finden; ich hatte es mit dem Gewicht freilich nicht so schwer wie du und es half, dass ich damals in einem Land lebte, in dem die Damengröße 38 der europäischen 40/42 entspricht; ich ahne, wie frustrierend das ist, wenn man nix findet – schau mal bei US-amerikanischen Versandhändlern, da gibt es oft viel größeres Gewand als bei uns). Es gibt Bilder davon, die heutige Freunde von mir ungläubig anschauen, wo ich mopsig, kurzhaarig und blondiert auf einem Sofa sitze und meine Kleidbluse (exakt in der Farbe des Sofas) zwischen den Knöpfen über den Röllchen aufklafft. Ich liebe das Bild trotzdem, weil ich WEISS und mich erinnere, dass ich mich damals genau so gut fand und dass das die Zeit des Wendepunkts war.

    Zwei Jahre später habe ich dann von selbst abgenommen ohne mehr dafür zu tun als keinen Süßstoff mehr zu verwenden. Der Rest ging von selbst über zwei bis drei Jahre runter, seither habe ich kaum mal mehr als 60 kg gewogen. Und vor allem ist es auch ganz egal, wie viel ich essen: Ich kann auch den ganzen Schokohasen essen und noch den kleinen dazu und noch Zuckerl dazu, ohne dass dieses schreckliche Gefühl wieder kommt. Es reguliert sich wieder selbst, indem ich NICHT drauf achte – ich habe allerdings keine Waage mehr und werde mich auch nie wieder eine anschaffen und schon gar nicht werde ich Diäten machen. Gefastet (kein Zucker, kein Alk), habe ich zwei bis drei Mal in der Fastenzeit, als Ausgleich zur Wintervöllerei, aber auch das immer ohne Wiegen.

    Heute denke ich, dass diese meine versuchten Neustarts scheitern mussten, weil sie davon ausgingen, dass ich FALSCH bin und dass ich ab jetzt mich ZUSAMMENREISSEN UND MICH ENDLICH VERBESSERN MUSS –
    d.h. jeden Tag neu inszeniert: morgens, DU MUSST DICH ÄNDERN, abends, DU HAST ES NICHT GESCHAFFT DU VERSAGERIN.

    Eigentlich musste ich mich vor allem mit mir anfreunden, dann konnte sich auch der Rest und mein Umgang mit Essen normalisieren.

    Es gibt keinen Grund, dich zu hassen – wenn du wieder neu startest, pass auf dass deine Neustarts nicht wie meine damals werden. Vielleicht kannst du dir „Erfolge“ neu deuten. Als sich meine Perspektive geändert hat, war der Erfolg nicht „heute 1 kg leichter“, sondern „Ich schaue jetzt in den Spiegel und übe, mich wohlwollend anzuschauen – das ist mein Erfolg“. Ich wünsche dir alles Gute. Deine digiom

    1. Liebe digiom,

      vielen lieben Dank für deine ausführliche Antwort und deine ehrlichen Worte. Ich selber sehe mich in der Hinsicht schon auch als essgestört an. Und im Kampf gegen unsere eigene Vorstellung ist es vollkommen egal, ob man übergewichtig oder bulimisch ist, glaube ich. Also – ich hab mir beim Lesen nicht gedacht, dass das ja was ganz was anderes sei. Jeder kämpft da mit sich selber, gegen die Vorstellungen, für ein besseres Leben, oder was man sich da auch immer einbildet.

      Deine letzten Absätze beschreiben es gut: Es gibt da echt das Problem, dass man sein Selbstwertgefühl wieder steigert. Keine Ahnung, warum das bei mir mitunter so geschrumpft ist, während ich wuchs. 😉 Das wieder zu erlangen hat jetzt etwas mit viel Übung zu tun. Aber ja, das möchte ich auch gerne wieder schaffen. Und ich gratuliere dir, dass du es geschafft hast, dich wohlzufühlen. 🙂

      Alles Liebe,
      Dominik

  2. Hey Dominik, echt super wie offen du damit umgehst. Konnte jetzt nicht wirklich herauslesen ob du Tipps willst aber dieser eine wäre unterlassene Hilfeleistung weil ich schon bei so vielen gesehen hab, dass es funktioniert. Mir persönlich haben Heißhunger nach Süßem öfter zu schaffen gemacht und Bittersegen ist ein wahres Wundermittel dagegen. Keine Ahnung wie das funkt, anscheinend erzeugt ein Mangel an Bitterstoffen diesen Heißhunger gegen den die größte Willsenskraft nicht hilft. 3 mal täglich 7 Tropfen und diese Sorge bist du los. In der Apo um ca. 20,- von Lifelight. Sei dir auch bewusst, dass die Fettzellen sowas wie einen Überlebensechanismus für sich selbst programmiert haben der dich immer wieder verleitet. Du bist also nicht zu schwach, die sind nur gemeinsam noch stärker ;-). Bittersegen nimmt ihnen aber anscheinend den Wind aus den Segeln. Viel Erfolg, du schaffst das!

    1. Liebe Conny,

      vielen lieben Dank für deine Nachricht. Für Tipps bin ich immer dankbar, es sind diese nichtsbringenden Sätze, derer ich mir entledigen möchte. 😉 Das mit dem Bittersegen klingt recht spannend – da werd ich mir mal ein Fläschchen kaufen. Wobei ich sagen muss: der große Heißhunger nach Süßem ist bei mir lustigerweise nicht sooo ausgeprägt, ich schaffs schon sieben Monate, auf Schokolade und Gummibärchen zu verzichten. Bei mir ist eher das Problem, die Speisengröße im Zaum zu halten.

      Vielen lieben Dank für den Zuspruch,
      alles Liebe
      Dominik

  3. Ich hatte mal 120 Kilo. Und vermutlich ein Dutzend Anläufe, das zu ändern. Funktioniert hat es dann, als ein Umbruch in meinem Leben bevor stand – Maturajahr – und ich meinen Sport ritualisiert habe.

    Ich hab damals einfach mit Kurzhanteltraining angefangen, fast jeden Tag in meinem Zimmer eingeschlossen und ein zuerst utopisch wirkendes Pensum an Übungen abgewickelt. Getrunken hab ich dabei Mineralwasser aus 0,5l-Plastikflaschen, die ich in meinem Regal gesammelt hab, wie einen Fortschrittsbalken. Später kamen dann auch noch Radrunden zum See und zurück dazu.

    Das utopische Pensum wurde immer leichter, die Radrunde auch und ich ebenfalls. Gleichzeitig hab ich meine Ernährung auf viel mehr pflanzliche Nahrung umgestellt und versucht, bewusst auf die Portionen zu achten. Auch das hat mit der Zeit besser funktioniert. Chips etc hab ich größtenteils vermieden oder mich radikal dran gehindert, die ganze Packung auf einmal zu futtern, indem ich den restlichen Inhalt in den Garten oder Mistkübel befördert hab. Auch hier kam die bessere Beherrschung mit der Zeit.

    Wie ich das gemacht hab, würde das wohl kein Arzt oder Diätologe in dieser Form empfehlen. Und es gibt sicher umweltfreundlichere Herangehensweisen. Trotzdem denke ich heut noch mit Stolz an meine Flaschensammlung zurück 🙂

    Will sagen: Neustarts sind normal, vielleicht musst du an deiner Methode noch was ändern, bis es ganz für dich passt. Vll hilft dir auch eine Art visuelle Ritualisierung im Hinblick auf deine Sportambitionen oder als Maßnahme gegen das „Frustessen“.

    All the best! 🙂

    1. Lieber Georg,

      auch dir vielen Dank für deinen Kommentar. Erstmal Respekt zu deiner Leistung und auch deiner Willenskraft, so etwas bewundere ich immer. 🙂 Ja, ich bleib dran und werd vielleicht auch noch ein paar Neustarts hinlegen müssen … aber wie digiom schon gut schreibt: Für mich ist es sehr wichtig, das eigene Selbstwertgefühl wieder aufzubauen, dann sind das Scheitern und die Neustarts auch viel einfacher zu akzeptieren.

      Danke für den Zuspruch,
      liebe Grüße, Dominik

  4. Lieber Dominik!

    Das ist ein sehr offener und ehrlicher Beitrag. Ich habe dazu leider keine Tipps und weiterführende Ideen. Ich kann nur sagen, dass ich einiges sehr gut nachvollziehen kann.

    Das mühselige ist ja auch, dass man sich das jahrelang angefuttert hat und jetzt auch (relativ) lange wieder braucht, dass die Kilos verschwinden. Ich frage mich, was wäre, wenn ich von einem Tag auf den anderen schlank wäre. Würde ich dann es leichter schaffen dieses „Idealgewicht“ zu halten oder würde ich mich wieder „hinaufarbeiten“?

    Auf alle Fälle dir einen guten Weg. Wie immer der auch aussieht. Und schreib wieder drüber.

  5. Hallo Dominik,

    vielen Dank für deinen Beitrag. Ich bin zufällig über einen Text von Stefanie Sargnagel drauf gestoßen. Was ich (männlich, 36) dir sagen kann: Das Leben wird nicht besser oder schlechter, weil man mehr oder weniger wiegt. Das mag jetzt ein bisschen polemisch rüberkommen, trifft aber ganz gut, was ich in meinem kleinen Leben gelernt habe.

    Ich war nie wirklich fett, hatte aber immer eher eine Tendenz zum Zu- als zum Abnehmen. Dadurch, dass sich bei uns in der Familie regelmäßig Streits und Machtkämpfe am Tisch entladen haben, habe ich ich anscheinend nie wirklich gelernt, ein Gefühl für Hunger oder Sättigung zu entwickeln, sehr wohl aber für die wohltuende Betäubung des Essen-in-sich-reinstopfens. Gewichtsschwankungen haben bei mir immer dazugehört; meine erste freiwillige Diät habe ich mit ungefähr 10 gemacht, dann mit 16 das Fasten entdeckt, um einen immer wieder auftretenden Jojoeffekt auszugleichen bzw. abzufedern. Eine Weile hat das gut geklappt; mit Ende 20 hatte sich das ganze dann aber zu einer hübschen Magersucht entwickelt.

    Ich kann heute nicht mehr begreifen, wie akribisch ich jede Kalorie gezählt habe, nachts joggen gegangen bin oder Fettbinder eingeworfen habe, wenn ich außerhalb etwas gegessen habe. Auch bei mir griff die fixe Idee, das Leben würde besser werden, wenn die Waage nur eine bestimmte Zahl anzeigen würde. Als das Leben dann nicht besser wurde, war natürlich klar, dass das Gewicht erneut angepasst werden muss und nicht etwa die innere Haltung. Als ich bei 1,79 m nur noch knapp 61 kg wog, eine nicht mehr funktionierende Bauchspeicheldrüse hatte und mein Leben nach wie vor nicht besonders fancy war, dämmerte mir immer noch nichts.

    Irgendwann habe ich mich Hals über Kopf verliebt und dachte allen Ernstes, wenn ich nur noch ein bisschen abnehme, dann würde sich der Rest schon von alleine ergeben. Eine wirklich depperte Sicht auf die Dinge, aber damals erschien mir das alles sehr logisch.

    Durch einen ziemlich unangenehmen Zufall habe ich dann herausfinden dürfen, dass ich beim Objekt der Begierde niemals eine Chance gehabt hätte, weil schon diverse andere auf der Wunschliste des Gegenübers standen. Das war damals eine unglaubliche Enttäuschung für mich, aber es hat mir die Augen geöffnet und ich habe irgendwie kapiert, dass die ganze Abnehmerei rein gar nichts gebracht hat außer einer wahnsinnig anstrengenden Zeit und einem Körper, der lange gebraucht hat, um sich von diesen Spirenzchen zu erholen. Als ich das einmal geschnallt hatte, stellte sich ohne großes Zutun meinerseits ein gesundes Gewicht ein, das ich bis heute ganz gut beibehalten habe. Beziehungsweise habe ich jetzt sogar wieder etwas mehr drauf, mache aber nicht mehr zum Lebensinhalt, eine bestimmte Idealvorstellung von meinem Körper umzusetzen. Wahrscheinlich auch, weil mein Lebensinhalt mittlerweile die Familie ist, die ich gegründet habe.

    Warum schreibe ich dir das alles? Zum einen, weil ich denke, dass Männer generell nicht gerne über Essstörungen reden und ich finde, dass diese Barriere aufgehoben werden sollte. Mager- oder Fettsucht sind keine Weiberkrankheiten; auch, wenn uns gerne etwas anderes suggeriert wird.

    Mich berührt zum anderen sehr, wie du über diesen ewigen Kampf der immer wieder neuen Motivation, des Durchhaltenwollens, des Kämpfens, des Versagens beschreibst. Ich kenne diese Pendelei zwischen „Es muss klappen, und zwar zu 100 Prozent“ und „Jetzt ist es auch schon scheißegal“ bereits nach einem kleinen Fehltritt nur allzu gut. Irgendwann habe ich mich mit diesen beiden Polen mal genauer beschäftigt und dabei bemerkt, dass sich in meinem Leben viel in Schwarz und Weiß abspielte und dazwischen nicht besonders viel gedanklicher Raum vorhanden war. Vor allem das Thema Kontrolle spiegelte sich bei mir unglaublich in den Extremen Askese und Exzess wieder.

    Irgendwann habe ich (zumindest was mich betrifft) kapiert, dass mein gestörtes Verhältnis zum Essen eher ein Symptom als eine eigenständige Krankheit war. Als dieser Knopf gedanklich mal wirklich eingerastet war, hat sich bei mir vieles gelöst.

    Lange Rede, kurzer Sinn – ich bin kein Therapeut und erhebe nicht den Anspruch darauf, die Weisheit gepachtet zu haben. Aber vielleicht hilft dir folgendes:

    Du wirst nicht besser, wenn du dünner wirst (was nicht heißt, dass du nicht abnehmen darfst oder sollst). Du bist nicht schlechter, weil du dicker bist oder wirst.

    Das Leben wird nicht automatisch zur Beachparty, wenn du es geschafft hast, Gewicht zu verlieren (was nicht heißt, dass es sich bei Adipositas nicht durchaus lohnt, abzunehmen).

    Das Leben von dünnen oder normalgewichtigen Leuten ist aber auch nicht eitel Sonnenschein.

    Wenn du mal über die Strenge geschlagen hast, musst du nicht gleich die Flinte ins Korn werfen. Es ist keine Schande, mal inkonsequent zu sein. Die Ernährungsumstellung (die du für dich definierst und niemand anderes) ist deshalb nicht sofort passé. Konzentrier dich darauf, was du schon erreicht hast.

    Schau, was dir Freude bereitet und was dir gut tut und was dich verunsichert und Stress auslöst. Es muss nicht gleich eine Tiefenanalyse sein, aber manchmal kann ein Blick von außen (gerade was die Themen Leistung und Versagen betrifft) kleine Wunder bewirken. Wir tendieren dazu, eher unsere Fehler als unsere Erfolge zu sehen. Das schlägt sich natürlich auch bzw. gerade in körperlicher Hinsicht nieder. Oftmals sehen wir uns als gescheitert an, obwohl wir es gar nicht sind.

    Und auch, wenn wir tatsächlich scheitern: Am nächsten Tag haben wir die Chance, es immer wieder neu zu machen. Anders. Besser.

    Es ist keine Prüfung, es ist dein Körper. Du.

    Alles Gute!

  6. Lieber Dominik!

    Ich fühle mit dir. Auch ich kämpfe mit und gegen die Kilos – schon mein ganzes Leben lang. Jeder in meiner Familie ist übergewichtig. Das soll keine Ausrede dafür sein, dass auch ich essgestört bin, sondern ich möchte sagen, dass schon auch ein gewisses Vor-Leben und Vorbild-Sein Einfluss hat. Die Frauen in meiner Familie beschäftigen sich nur mit Abnehmen, ihren Jo-Jo-Effekten, den Ups und Downs – es dreht sich immer alles um Essen – Nicht-Essen, gesund – ungesund, Sport, Abnehmen, zunehmen! Es belastet mich unglaublich, mich die ganze Zeit damit zu beschäftigen!

    Dass du deine Speisen aufschreibst, ist ein guter Anfang! Was mir eine bekannte Ernährungswissenschaftlerin gesagt hat: Wichtig ist neben der Tageszeit auch das Gefühl aufzuschreiben. Isst du, weil du hungrig bist, traurig, ist dir langweilig, als Belohnung? schreibe deine Gefühle dazu und wenn es auch nur ein lachendes oder weinendes Smiley ist und dann werte das Ganze mal nach einem Monat oder so aus. Versuche deine Portionsgrößen etwas zu reduzieren und höre in dich hinein: bist du nicht mehr hungrig oder satt? Der Körper braucht ja ungefähr 3 Monate um alte Gewohnheiten umzustellen – beobachte dich mal in dieser Zeit. Aber bitte – und das ist mir wirklich wichtig – nicht jeden Tag wiegen, maximal einmal in der Woche. wobei auch einmal im Monat vermessen werden darf: Bauchumfang, Beinumfang und so – denn auch wenn das Gewicht stagniert siehst du womöglich dort eine Veränderung.

    Bei einem Neustart ist man immer so hoch motiviert, dass man Bäume ausreißen möchte, und umso frustrierter wenn man nicht dran bleibt, aus welchen Gründen auch immer.

    In die Schwangerschaft hab ich schon mit Fettleibigkeit gestartet, dann 40 kg inkl. Wassereinlagerung zugenommen, dafür dann aber auch schnell nämlich in 8 Monaten 50 kg nach der Geburt abgenommen. Was für ein Stress für meinen Körper. Inzwischen ist wieder alles drauf. Darüber (mit Personen deines Vertrauens) reden oder auch schreiben, ist wohl die größte Hilfe. Denn so findest du Gleichgesinnte, Unterstützer und Mitstreiter 🙂

    Ich wünsche dir alles Gute, aber bitte stress dich nicht. 🙂

    LG Charlie

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